Bundesliga-Aufstieg, Überlebenskampf und Lilien über Lilien

Das ist Darmstadt

Vorberichte von Luca Mletzko

Am 8. Spieltag der 2. Bundesliga empfangen wir den SV Darmstadt 98. Bevor die Lilien am Sonntag, den 18. Oktober um 13:30 Uhr in unserem BBBank Wildpark gastieren, stellen wir euch unseren Gegner vor! Warum die „Lilien“? Wie kämpfte sich der Verein aus dem Insolvenzverfahren 2008? Und was hat es mit den „Feierabendfußballern vom Böllenfalltor" auf sich? Wissenswertes rund um die Südhessen gibt es hier zum Nachlesen, viel Spaß.

Fahnenmeer SV Darmstadt 98

Die Lilien

Am 22. Mai 1898 wurde der FK Olympia 1898 Darmstadt von Professor Leopold Ensgraber, seinen vier Söhnen und acht anderen Schülern, mit denen sich die Ensgraber gelegentlich zum Fußballspielen trafen, gegründet. Die Vereinsfarben des FKO waren schwarz-weiß, das Logo zierte ein schwarzes O und der Verein wies insgesamt eine akademische Prägung auf. Am 11. November 1919 fusionierten der FK Olympia mit dem Stadtkonkurrenten SC Darmstadt 1905 und es entstand der SV Darmstadt 1898. Um als Spielgemeinschaft die gesamte Stadt zu repräsentieren, nahm der Verein die Stadtfarben blau-weiß an und übernahm die Lilie aus dem Stadtwappen in ihr Vereinslogo, wodurch sie auch als die „Lilien“ bekannt wurden.

Feierabendfußballer

Im Sommer 1978 feierte der SV Darmstadt ihren bisher größten Erfolg der Vereinsgeschichte: den ersten Aufstieg in die Bundesliga. Damals gingen viele Spieler neben dem Fußball weiterhin ihren regulären Berufen nach und daran änderte auch der Aufstieg nichts. Aufgrund mangelnden Glaubens daran, dass sich der Klub dauerhaft in der ersten Liga halten würde, entschieden sich die Spieler gegen den Schritt, ihre berufliche Existenz aufzugeben und Profispieler zu werden. Daraufhin entwickelte Trainer Lothar Buchmann das sogenannte „Darmstädter Modell“: Training nach Feierabend, Trainingslager in der Urlaubszeit und Ausgleich für beruflich bedingte Fehlzeiten wie beispielsweise lange Auswärtsfahrten. So konnten die Lilien ihren Aufstiegskader zusammenhalten und die Mannschaft wurde als „Feierabendfußballer vom Böllenfalltor“ bekannt. Konkurrenzfähig waren sie allerdings nicht, der Klub stieg nach nur einer Saison wieder in die zweite Liga ab.

Kurz vor dem Aus

Im Mai 2023 wurde der SV Darmstadt 125 Jahre alt. Ein wichtiges, wenn auch dunkles Kapitel der Vereinshistorie sind die Geschehnisse zwischen 2007 & 2009, als die Lilien offiziell einen Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellten. Alles begann, als die Blau-Weißen am 2. Juni 2007 einen sportlichen Tiefpunkt erreichten und aus der Regionalliga abstiegen. Der sportliche Misserfolg fügte sich laut damaligen Vorstand Fanverein Jürgen Koch nahtlos in das Gesamtbild der Darmstädter ein: der Verein war zerstritten, auch innerhalb der Fanszene. Der Mann, der die Lilien in eine bessere Zukunft führen sollte, hieß Hans Kessler. Der damals 58-Jährige wurde von Oberbürgermeister Walter Hoffmann zur Kandidatur überredet und einstimmig zum neuen Präsidenten des SVD gewählt. Doch nur drei Monate später war die Aufbruchstimmung schon wieder da hin: die Darmstädter Steuerfahndung ermittelte am Böllenfalltor und die Beamten durchsuchten die Geschäftsstelle. Das Finanzamt stellte schließlich Forderungen in Höhe von 1,1 Millionen Euro an den Oberligisten. Die finanziellen Hiobsbotschaften zogen sich durch die nächsten Wochen und der SVD war gezwungen, gegen einen Schuldenberg anzukämpfen, der fast nicht zu stemmen war. Am 6. März 2008 machten die Lilien ihre Zahlungsunfähigkeit offiziell und verkündeten, dass sie einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beim Darmstädter Amtsgericht stellen müssten, was sechs Tage später dann auch geschah. Mittels einer Info-Veranstaltung in der Lilienschänke wurde den Anhängern des SVD die aktuelle Situation erklärt und ein Ausblick in die Zukunft gegeben. So niedergeschlagen die Leute angekommen waren, so erhoben waren die Köpfe, als sie wieder raus sind. In den nächsten Tagen schwappte den 98ern eine Welle der Sympathie entgegen, die Leute kamen mit zahlreichen Benefizthemen auf die Lilien zu und es wurde zu einem Fanmarsch am kommenden Wochenende aufgerufen. Am 15. März empfingen die Lilien den 1. FC Germania Ober-Roden am Böllenfalltor. Unter dem Motto „1898 Schritte für den SVD – Wir stimmen mit den Füßen für die Lilien!“ setzten rund 800 Anhänger ein Zeichen und pilgerten quer durch Darmstadt zum Stadion. Als erste Soforthilfemaßnahme wurden neben selbstgefertigten Buttons auch T-Shirts mit dem Aufdruck „die Lilien bleiben DA“ für zehn Euro verkauft. Das Spiel selbst wurde vor 5200 Zuschauern ausgetragen, erwartet wurden rund 500 Zuschauer. Der Sternmarsch bildete den Auftakt zu zahlreichen Rettungsmaßnahmen und Aktionen. Zu den wichtigsten zählten damals unter anderem das Benefizspiel gegen den FC Bayern und der neue Hauptsponsor (Software AG). Am 3. Juni 2009 war es dann endlich geschafft: der SV Darmstadt zog den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wieder zurück und erlangte nach monatelangem Existenzkampf wieder die Freiheit ihres Vereins.  

Fan-Mannschaft

Nicht nur unser KSC, auch Darmstadt 98 hat ein Team, das ausschließlich aus Fans besteht: Die dritte Mannschaft des SVD ist 2020 in der Kreisliga D gestartet und vertritt die Blau-Weißen auch auf den Amateurplätzen. Es werden keine Ablösesummen gezahlt, weder Spieler noch Trainer erhalten Vergütungen. Es geht vielmehr darum, Spaß am Breitensport zu haben. Bei der Auswahl der Spieler wurden strenge Kriterien angelegt, um ihre Verbundenheit zum SVD nachhaltig zu belegen. Die Drittvertretung der Lilien konnte bereits zweimal in ihrer jüngeren Vereinsgeschichte schon aufsteigen: 2021/22 von der Kreisliga D in die Kreisliga C und 20245/25 schrieben sie das nächste Erfolgskapitel und stiegen in die Kreisliga B auf.  

Soziales Engagement

Mit der Initiative „Lilien helfen Lilien“ unterstützt die Fan- und Förderabteilung Vereinsmitglieder in schwierigen Lebenssituationen. Betroffene können ihre Anfragen anonymisiert in das große Lilien-Netzwerk geben und bekommen Rat oder aktive Hilfe angeboten. Die Fan- und Förderabteilung (FuFa) des SV Darmstadt 1898 gibt es seit der Saison 2012/13. Es war die Spielzeit, in der die Blau-Weißen am Ende vom Lizenzentzug der Erzrivalen Kickers Offenbach profitierten und am Ende doch die Klasse hielten.  


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