"Jede Erfahrung auf meinem Weg hat mich stärker gemacht!"
Immer wieder wird in Talkshows und Gazetten das Fußballer-Mantra "Wo sind die echten Typen hin?" proklamiert. Allen, die sich diese Frage schon mal gestellt haben, empfehlen wir einen näheren Blick auf KSC-Innenverteidiger Sandro. Im Interview mit ksc.de spricht der 26-Jährige über seine fußballerische Ausbildung ohne Nachwuchsleistungszentrum, frühe Schicksalsschläge, die "normale" Arbeitswelt, Madagaskar und noch so viel mehr. Viel Spaß beim Lesen!

ksc.de: Frankreich, Belgien, Armenien, Serbien und immer mal wieder Madagaskar: Du hast schon viel von der Welt gesehen. Wie gefällt dir Karlsruhe, Sandro?
Sandro: Sehr gut! Hier habe ich alles, was ich brauche. Es gibt in der Stadt richtig tolle Cafés und Restaurants, das mag ich. Ich bin ein einfacher Typ und lebe ein einfaches Leben. Karlsruhe passt bisher gut zu mir.
ksc.de: Bei deinen bisherigen Vereinen durftest du verschiedene Kulturen und den jeweiligen Fußball kennenlernen. Inwiefern hast du dich in dieser Zeit als Sportler aber auch persönlich weiterentwickelt?
Sandro: Jeder Club, jedes Land ist anders. In Armenien hatte ich viele französische Mitspieler, mit denen ich problemlos in meiner Muttersprache kommunizieren konnte. In Serbien haben die meisten Spieler und der Trainer hingegen kein Englisch, geschweige denn Französisch gesprochen. Es war also wichtig, dass ich möglichst schnell Serbisch lerne. Das hat tatsächlich recht gut funktioniert. Die Sprache hat es mir in der Folge erleichtert, mit den Menschen vor Ort zu interagieren und die Kultur mehr zu erleben. Mittlerweile bin ich in Deutschland und lerne wieder eine neue Sprache. Deutsch fällt mir zugegebenermaßen nicht wirklich leicht. Ich möchte aber trotzdem fleißig sein und meine Kenntnisse weiter verbessern. Das hat für mich auch mit etwas Grundsätzlichem zu tun: An Orten, an denen ich mich wohlfühle und die Menschen gut zu mir sind, möchte ich mich einbringen, die Sprache sprechen, die Kultur kennenlernen und Teil der Gemeinschaft sein. In meiner Zeit hier in Karlsruhe habe ich bereits einige Dinge gelernt, die mir sowohl privat als auch im Sport guttun. Hier geht es um Arbeit und Disziplin. Mit dieser Einstellung kann ich mich identifizieren, das Beste aus mir herausholen und dem Team helfen.
Vom einen auf den anderen Tag musste ich erwachsen werden.
ksc.de: Du bist an der französischen Mittelmeerküste aufgewachsen. Wie kamst du dort zum Fußball?
Sandro: Als Kind saß ich manchmal nachmittags zuhause herum. Mit fünf oder sechs Jahren wurde mir das zu langweilig, weshalb ich nach einer Beschäftigung gesucht habe. In meiner Schule habe ich dadurch viele Freunde gefunden, die an diesem Tag immer Fußball gespielt haben. Mit diesen Jungs spielte ich fortan sieben Jahre lang in einem Team. In dieser Zeit sind wir sehr eng zusammengewachsen. Gemeinsam zur Schule, gemeinsam zum Fußball, gemeinsam die Freizeit verbringen. Das waren die besten Jahre meines Lebens, weil niemand darüber nachgedacht hat, ob es vielleicht irgendwann zum Profi reichen könnte oder was generell in der Zukunft ansteht. Damals zählten nur der Spaß und die Gemeinschaft.
ksc.de: Wann hat sich das geändert?
Sandro: Je älter ich wurde, desto ernster wurde alles. Als Teenager wechselte ich zu einem besseren Club aus meiner Heimatstadt Sète. Ich konnte dort viel dazu lernen und gemeinsam mit der Mannschaft gute Leistungen zeigen. Wir haben gegen gute Teams und gute Spieler, wie Kylian Mbappé, Manu Koné und Amine Adli gespielt. Sportlich lief es bis dahin gut, mit 15 Jahren verlor ich aber meinen Vater. Der Fußball, der mir in dieser schwierigen Phase Halt geben sollte, brach daraufhin ebenfalls weg, da ich mir in derselben Woche noch einen Kreuzbandriss zugezogen habe. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich stellte mir die Frage: War es das für mich mit Fußball? Vom einen auf den anderen Tag musste ich erwachsen werden. Ich war zwar noch Schüler, ging aber arbeiten, um meine Familie zu unterstützen.
ksc.de: Und trotzdem sitzt du heute hier als Profifußballer.
Sandro: Ungefähr ein Jahr nach meinem Kreuzbandriss begann ich wieder Fußball zu spielen. Ich hatte allerdings nicht die Ambition, Profi zu werden. Fußball war für mich ein Hobby und sehr wichtig, um im echten Leben aktiv zu sein. Ich habe in dieser Zeit viel gearbeitet, habe Schülern Nachhilfe gegeben, arbeitete auf der Baustelle, war Verkäufer und Erntehelfer im Weinbau. Fußball war mein Ausgleich. Ich bekam zwar einige Angebote von anderen Vereinen, lehnte diese aber alle ab, da ich in der Nähe meiner Familie bleiben wollte, um mich um sie zu kümmern. Meine Familie steht absolut an erster Stelle. Nach einiger Zeit verbesserte sich die Situation für meine Mutter. Daraufhin wollte ich die Challenge annehmen und herausfinden, auf welchem Level ich Fußballspielen kann. Ich wechselte innerhalb von Frankreich zu Amateurvereinen. Ich spielte, spielte und spielte – und wie es der Zufall wollte, bekam ich im Alter von 21 Jahren ein Angebot vom damaligen Drittligisten aus meiner Heimatstadt FC Sète. Am Anfang habe ich zwar noch kein Geld verdient, aber das war mir tatsächlich egal. Meiner Familie ging es gut, ich war stolz, beim größten Club meiner Heimatstadt zu spielen und hatte großen Spaß am Fußball. Nach einer starken Saison unterschrieb ich meinen ersten Profivertrag, zog aus dem Elternhaus aus und konnte meine Mutter wieder finanziell unterstützen.
ksc.de: Die meisten Profifußballer arbeiten schon seit ihrer frühen Jugend in Nachwuchsleistungszentren für ihren großen Traum. Im Gegensatz dazu stand der Fußball in deiner Jugend nicht im Fokus, stattdessen bist du in die „normale“ Arbeitswelt eingetaucht. Welche Rolle spielt dein Hintergrund in deinem heutigen Leben als Fußballprofi?
Sandro: Meine Erfahrungen haben mich sehr geprägt! Durch den Tod meines Vaters lernte ich früh die dunklen Seiten des Lebens kennen. Die High School ist für die meisten eine coole Zeit, aber nicht für mich. Heute schaue ich auf diesen Lebensabschnitt zurück und weiß meine aktuelle Situation dadurch sehr zu schätzen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, früh morgens aufzustehen und bei Minusgraden im Weinberg zu arbeiten. Im Leben gibt es immer Aufs und Abs. So tief wie es hinuntergeht, kann es auch wieder hochgehen, obwohl es in schlechten Momenten vielleicht aussichtslos erscheint. Jede Erfahrung auf meinem Weg hat mich stärker gemacht. Ich bereue nichts davon. Die Tatsache, dass ich jetzt Tag für Tag auf dem Fußballplatz stehe, genieße ich aus all diesen Gründen so, so, so sehr!
ksc.de: Bis Karlsruhe war es von dort aber noch ein weiter Weg. Wie kam dein Schritt ins Ausland zustande?
Sandro: Um ehrlich zu sein, wollte ich meine Heimat eigentlich nie verlassen. Ich hatte dort alles, um glücklich zu sein. Beim FC Sète war damals allerdings unklar, ob wir in der dritten Liga bleiben würden. Mein Berater hat mir dann erzählt, dass es Interesse aus der belgischen ersten Liga gibt. Aber wieso sollte ich gehen? Ich liebe doch mein Team, meine Stadt, meine Freunde und meine Familie. Meine Mutter hat mich aber dazu ermutigt, den Schritt zu wagen. Ich habe in meiner Jugend viel geopfert, jetzt wollte sie, dass ich an mich denke und mich für all den Aufwand belohne. Ohne ihre Worte wäre ich wohl niemals gewechselt. Ich habe mich also dafür entschieden, nach Belgien zu wechseln und es stellte sich als die richtige Entscheidung heraus. Im Nachhinein habe ich mir auch gedacht, dass ich junge Spieler mit meiner Geschichte motivieren möchte. Es braucht nicht immer die perfekte Ausbildung in einem Nachwuchsleistungszentrum. Wer hart arbeitet und nicht aufgibt, wird irgendwann belohnt. In dieser verrückten Welt ist alles möglich. Und falls es doch nicht klappen sollte mit dem Profifußball hat das Leben noch so viel mehr zu bieten.
Bei meinem ersten Spiel kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
ksc.de: Nach Belgien kam Armenien, im Anschluss die Vereinslosigkeit. Wie hast du es geschafft, dieses Tief in ein neues Hoch umzuwandeln?
Sandro: Die Zeit in Armenien verlief aus den verschiedensten Gründen nicht so, wie ich es mir gewünscht habe. Nach einem halben Jahr entschied ich mich dazu, meine Segel dort zu streichen und nach Frankreich zurückzukehren. Dort arbeitete ich als inzwischen 25-Jähriger dann drei- bis viermal pro Woche in einem Laden von einem guten Freund und verdiente mir so etwas Geld dazu. In der restlichen Zeit habe ich hart trainiert und mich nebenbei mit Beach Soccer fitgehalten. Zwischenzeitlich kamen auch Gedanken über ein vorzeitiges Karriereende bei mir auf. Ich war mir nicht sicher, ob ich das Leben als Profifußballer so weitermachen wollte. Durch meine vorherigen Erfahrungen wusste ich schließlich, dass ich auch ohne den bezahlten Sport in der Welt zurechtkomme. Im nächsten Sommer erhielt ich dann jedoch ein Angebot aus Serbien, das ich ohne lange zu zögern annahm. Ich hatte ein gutes Bauchgefühl und damit sollte ich recht behalten. Es war ein kleiner Ort im Süden des Landes, dort ist nicht sonderlich viel los, aber ich konnte eine wirklich gute Saison spielen. Und dann kam Karlsruhe….
ksc.de: Beach Soccer ist der Sport der Techniker und Trickser. Die 2. Bundesliga steht hingegen für Robustheit und harte Zweikämpfe. Wie passt das zusammen?
Sandro: Beach Soccer ist Spaß und Freude! Mit Anfang 20 durfte ich mit der französischen Beach Soccer-Nationalmannschaft internationale Turniere spielen und tolle Erfahrungen sammeln. Tatsächlich hilft es mir aber auch für mein Fußballspiel, denn im Sand muss ich mir als großer Typ jeden Schritt, jede Bewegung erarbeiten. Ohne Beach Soccer wäre ich außerdem wohl nie Fußballnationalspieler für Madagaskar geworden. [lacht]
ksc.de: Als wäre es nicht schon außergewöhnlich genug, dass du für zwei verschiedene Nationen in zwei unterschiedlichen Sportarten Nationalspieler geworden bist. Das musst du uns bitte genauer erklären.
Sandro: Gerne! Mein Leben ist so facettenreich und dabei bin ich erst 26. [lacht] Der Trainer der französischen Beach Soccer-Auswahl war zuvor bei der madagassischen Nationalmannschaft tätig. Durch meinen Großvater väterlicherseits habe ich madagassische Abstammung. Der Beach Soccer-Coach hat daraufhin Kontakt zur Fußballnationalmannschaft hergestellt.
ksc.de: Was bedeutet es dir, für Madagaskar aufzulaufen?
Sandro: Ich bin unglaublich stolz, das Nationaltrikot zu tragen! Ich bin in Frankreich aufgewachsen und habe durch meine Mutter vor allem die Kultur des karibischen Inselstaats Guadeloupe erlebt. Für mich sind die Spiele mit Madagaskar deshalb auch eine Reise zu meinen eigenen Wurzeln, die ich zuvor noch gar nicht recht kannte. Ich lerne sehr viel über das Leben und die Menschen aus Madagaskar, dafür bin ich enorm dankbar. In Madagaskar gibt es Probleme, die wir uns in Europa kaum vorstellen können. Die Nationalmannschaft hat daher auch die Aufgabe, mit guten Leistungen auf dieses wunderschöne Land aufmerksam zu machen und die Menschen vor Ort stolz zu machen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten, wollen wir den Menschen in Madagaskar Freude bereiten.
ksc.de: Wow – und das schaffst du auch hier bei uns in Karlsruhe! Mit deinen Leistungen in den Heimspielen gegen Darmstadt und Heidenheim hattest du großen Anteil an den Siegen. Nach dem Abpfiff warst du bei den Feierlichkeiten mit den Fans in der ersten Reihe. Wie nimmst du die Unterstützung der Fans wahr?
Sandro: Einfach unglaublich! Als ich meinem ehemaligen Trainer Marc Pfertzel [Anm. d. Red.: Spieler beim VfL Bochum, Union Berlin, SV Sandhausen] davon erzählt habe, dass ich die Möglichkeit habe, nach Deutschland zu wechseln, hat er mir dazu geraten, die Chance unbedingt wahrzunehmen. Spätestens jetzt verstehe ich ihn. Unsere Fans haben so eine großartige Mentalität und Energie. Bei meinem ersten Spiel kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Genau für solche Momente spiele ich Fußball. Ich war mal zu Besuch im Stade Vélodrome in Marseille und beim Belgrad-Derby, das waren die einzigen vergleichbaren Erlebnisse für mich. Bei den Heimspielen würde ich am liebsten 90 Minuten lang vor der Kurve stehen und sie mit leuchtenden Augen anschauen, so überragend finde ich den Support! [lacht]
Na, dann! Auf die nächsten Siege und anschließenden Feiern mit den KSC-Fans, Sandro!












