FC St. Pauli zu Gast
Am Freitag gastiert der FC St. Pauli im Wildparkstadion. Auf www.ksc.de finden Sie alle Informationen zum Kult-Club vom Hamburger Kiez.

Von Andreas Kleber
Noch vor ein paar Jahren war es hierzulande verpönt das Wort „geil“ in den Mund zu nehmen. Und auch wenn heutzutage noch einige Spießbürger pikiert die Nase rümpfen, wenn dieser Ausdruck ihren Gehörgang durchdringt – spätestens seit der Aufnahme dieser Vokabel in den arrivierten Duden, in dem „geil“ als jugendsprachliches Synonym für großartig und toll beschrieben wird, ist das einstige Unwort inzwischen fester Bestandteil unseres Wortschatzes. Einige Leser werden sich jetzt sicherlich fragen, was es mit dem kleinen Ausflug in die deutsche Gegenwartssprache auf sich hat. Nun, bei einem Text über unseren heutigen Gegner kommt man nur schwer umhin das Wort mit den vier Buchstaben auszusparen.
Das hat aber nichts damit zu tun, dass der im Jahr 1910 gegründete Traditionsverein nahe der legendären Hamburger Reeperbahn beheimatet ist, die umgangssprachlich als „sündigste Meile der Welt“ bezeichnet wird. Vielmehr ist es bemerkenswert dass Otto Normalverbraucher ebenso zu dessen Anhängern zählt wie beispielsweise Arbeiterinnen des horizontalen Gewerbes, Luden, Sympathisanten der linken Szene oder andere sogenannte Randgruppen unserer Gesellschaft. Ein weiterer Beleg für die „Besonderheit“ des FC St. Pauli ist, dass mit Präsident Cornelius „Corny“ Littmann seit 2003 eine schillernde Persönlichkeit der Hamburger Theaterszene an der Spitze des Kiezclubs steht, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt. In Anbetracht der Tabuisierung des Themas Homosexualität im Profifußball ein absolutes Novum, das hoffentlich schon bald seinen Teil dazu beitragen wird, dumpfe Vorurteile abzubauen.
Fußball gespielt wird am Millerntor, das noch in diesem Jahr weiter ausgebaut werden soll, selbstverständlich auch. Erstmals nach acht Jahren gelang den Hamburgern zum Saisonstart wieder einmal ein Sieg. Allerdings deutete im Heimspiel gegen Rot-Weiss Ahlen lange Zeit alles auf ein Unentschieden hin, ehe der eingewechselte Nils Pichinot mit seinem Kopfballtor in der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer erzielte. Völlig losgelöst präsentierten sich die Hanseaten am zweiten Spieltag, als sie die Alemannia aus Aachen bei deren Heimpremiere im neuen Stadion mit 5:0 regelrecht demütigten und sich an die Tabellenspitze der 2. Liga schossen. Geht es nach FC-Trainer Holger Stanislawski sollen den sieben Toren gegen Ahlen und Aachen in dieser Spielzeit noch viele weitere folgen. Der FC St. Pauli, in vielen Köpfen immer noch als Sinnbild für Kampf, Leidenschaft und nimmermüdes Aufbäumen verankert, hat seit dem Amtsantritt von Stanislawski vor knapp drei Jahren die Spielkultur entdeckt. Zumindest am heimischen Millerntor wird Fußball in der jüngsten Vergangenheit mehr zelebriert denn gearbeitet.
Diese Entwicklung drohte nach den Abgängen von Filip Trojan und Alexander Ludwig ins Stocken zu geraten. Mit den Verpflichtungen von Rückkehrer Charles Takyi, Max Kruse, Deniz Naki und Matthias Lehmann ist es den Verantwortlichen um Sportchef Helmut Schulte jedoch gelungen, den spieltechnischen Aderlass zu kompensieren. Wie wertvoll beispielsweise Lehmann für den FC sein kann, stellte er gleich in seinem ersten Ligaspiel für seinen neuen Arbeitgeber gegen Ahlen unter Beweis, als er den ersten Treffer selbst erzielte und den zweiten vorbereitete.
Bereits in der Saisonvorbereitung deuteten die Hamburger bei ihren Siegen gegen die Schotten von Heart of Midlothian und Stoke City aus England an, dass sie in dieser Runde wohl zu den spielstärksten Teams der Liga gehören werden. Die Mannschaft um Spielführer Fabio Morena ist kombinationssicher, taktisch äußerst variabel und vom Gegner nur schwer auszurechnen, da nahezu alle Spieler Zug zum Tor haben. Dieser vermeintliche Pluspunkt könnte unter Umständen aber zum Nachteil für den FC gereichen, bei dem sich der ehemalige Karlsruher Carsten Rothenbach längst zu einer festen Größe gemausert hat.
Dann nämlich wenn es den eigentlich für die Defensive vorgesehenen Akteuren nicht gelingt, rechtzeitig den Rückwärtsgang einzuschalten. So des Öfteren geschehen in der vergangenen Spielzeit, in der sich die Stanislawski-Elf 59 Gegentreffer einfing. Schlechter war nur Absteiger VfL Osnabrück, dessen Defensive 60 Mal von des Gegners Angriff überrumpelt wurde. In dieser Runde gilt es diese Schwäche auszumerzen und eine ausgewogene Balance zwischen erfrischendem Offensivfußball und solider Abwehrarbeit zu finden. Gelingt das, kann der FC im Kampf um einen der begehrten Aufstiegsplätze durchaus en Wörtchen mitreden. Und das wäre für den Verein der im kommenden Jahr seinen 100. Geburtstag feiert und der hinter den Kulissen eifrig an der Rückkehr in die 1. Bundesliga bastelt, eine richtig geile Sache.











