Orlishausen: "Das wird Abstiegskampf pur"
Nachdem er die ersten drei Spiele der Rückrunde noch auf der Bank Platz nehmen musste, stand Kapitän Dirk Orlishausen in den vergangenen drei Spielen wieder zwischen den Pfosten und erlebte dabei sowohl das Debakel auf St. Pauli als auch den Heimsieg gegen Aufstiegsaspirant Hannover 96 hautnah mit. Wir haben mit dem Schlussmann über das Erfolgserlebnis gegen die Niedersachsen, die Verbindung zwischen Mannschaft und Fans und das anstehende Duell im Erzgebirge gesprochen.

Dirk, wie wichtig war es, mit dem Heimsieg gegen Hannover die richtige Antwort auf das Debakel gegen St. Pauli zu geben?
Nach dem miserablen Auftritt gegen St. Pauli haben wir uns selbst den Druck auferlegt, allen zu zeigen, dass wir begriffen haben, um was es geht und in welch brenzliger Situation wir uns befinden. Diese Reaktion haben wir mit der Leistung und dem Ergebnis gezeigt. Im Vorfeld der Partie hatten wohl die wenigsten damit gerechnet, dass wir die Hannoveraner schlagen. Umso schöner war es, nicht nur eine kämpferisch engagierte Leistung abzuliefern, sondern gleichzeitig auch drei wichtige Punkte einzufahren. Ich hoffe und bin davon überzeugt, dass wir die Einstellung, mit der wir gegen Hannover agiert haben, auch in den nächsten Spielen an den Tag legen.
Zwischen den beiden Auftritten lagen gerade einmal vier Tage. Wie lässt sich eine solche Leistungsschwankung erklären?
Dadurch dass die Diskrepanz so groß war, fällt es mir schwer, eine vernünftige Erklärung zu liefern. Sicherlich spielt es eine Rolle, ob man auswärts oder daheim spielt, aber das allein erklärt nicht, warum wir gegen St. Pauli alles haben vermissen lassen, was im Abstiegskampf der 2. Liga nötig ist. Die Klatsche war wohl der Schuss vor den Bug, den wir kassieren mussten, damit auch der letzte von uns aufwacht.
Mirko Slomka präsentiert sich öffentlich stets besonnen – selbst nach der Klatsche in Hamburg wirkte er sehr gefasst. Wie hat er dieses Debakel mit euch aufgearbeitet?
Es stimmt, dass er einerseits zwar ruhig und besonnen ist. Er hat gleichzeitig aber auch eine sehr klare und bestimmte Ansprache. Nach dem Spiel gegen St. Pauli war es einfach bitter nötig, alles schonungslos anzusprechen – mit Name, Adresse und Hausnummer, damit jeder einzelne Spieler weiß, was er falsch gemacht hat und wo er sich verbessern muss. Das hat anscheinend auch gefruchtet, ansonsten hätten wir eine solche Leistung wie gegen Hannover nicht abliefern können. Ich hoffe und glaube, dass wir als Mannschaft nun begriffen haben, dass wir jede Woche aufs Neue kämpfen, kratzen und beißen müssen, um die nötigen Zähler einzufahren.
Vor dem Spiel gegen Hannover gaben euch die Anhänger auf der Gegenrade mit einer schönen Choreografie unter dem Titel „Aufgeben ist keine Option“ die Marschroute vor. Wie wichtig ist der Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Fans für die Mission Klassenerhalt?
Das ist enorm wichtig. Ich habe den letzten Abstieg in Liga drei vor fünf Jahren miterlebt und weiß, was für eine schmerzvolle Erfahrung das für die Fans und das Umfeld war. Auch wenn es damals schlussendlich leider nicht mit dem Klassenerhalt geklappt hat, konnten wir uns auf die bedingungslose Unterstützung der Fans bis zum bitteren Ende verlassen. Ob auswärts oder daheim – wir wissen, was wir an unseren Fans haben und wissen um ihre Bedeutung. Das Ziel Klassenerhalt können wir nur dann erreichen, wenn wir Seite an Seite gehen und bis zum Schluss zusammenhalten. Dann bin ich guter Dinge, dass wir nach dem letzten Spieltag gemeinsam feiern können.
Ihr habt gegen Hannover nach zuvor fünf Spielen mit mindestens einem Gegentreffer erstmals wieder zu null gespielt. Wieviel Selbstvertrauen habt ihr dadurch getankt?
Die Defensive war schon immer – auch in der Hinrunde – das Fundament, auf dem unser Spiel und letztlich auch unser Erfolg basiert. In sieben von siebzehn Hinrunden-Spielen haben wir kein Gegentor zugelassen. Das ist ein beachtlicher Wert, der zeigt, dass wir die defensive Qualität und Kompaktheit mitbringen. Das ist auch für die Angreifer wichtig, weil es ihnen ein Stück weit den Druck nimmt und sie nicht das Gefühl haben, in jedem Spiel zwei oder drei Tore schießen zu müssen. Wenn man den Kasten sauber hält, reicht ein Treffer zum Sieg. Nichtsdestotrotz müssen wir uns natürlich auch offensiv in den verbleibenden Spielen verbessern und kaltschnäuziger im Abschluss sein.
Nicht für die Mannschaft im Ganzen, auch für dich persönlich ist die laufende Saison im Kampf um den Platz zwischen den Pfosten ein stetes Auf und Ab. Wie gehst du damit um?
Das spielt für mich keine Rolle. Ich habe schon immer gesagt, dass ich mit Entscheidungen eines Trainers leben kann, solange dieser ehrlich zu mir ist und mir sagt, woran ich bin und welche Gründe ausschlaggebend sind. Das gibt mir dir Chance, mich in den Punkten zu verbessern, in denen mein Konkurrent möglicherweise besser ist als ich. Ich gebe in jeder Trainingseinheit Gas – im Wissen, dass mir nichts geschenkt wird und ich mich Woche für Woche aufs Neue beweisen muss.
Gehst du davon aus, nun bis auf Weiteres im Kasten gesetzt zu bleiben?
Darüber mache ich mir wirklich keine Gedanken. Ich bin froh, dass der Trainer in den vergangenen Spielen auf mich gesetzt und mir das Vertrauen geschenkt hat. Ich habe wie immer mein Bestmögliches gegeben und habe insgesamt, so denke ich, ordentliche Leistungen gezeigt. Es gibt aber immer Kleinigkeiten, die man beim Torwartspiel im Hinblick auf das nächste Spiel besser machen kann.
Am Freitag steht das nächste Kellerduell im Erzgebirge an. Angesichts der Tabellenkonstellation ein weiteres vermeintliches „Sechse-Punkte-Spiel“, oder?
Es ist auf jeden Fall, ähnlich wie das Spiel gegen St. Pauli, eine enorm wichtige Partie. Mit dem Unterschied, dass wir mit dem Heimsieg gegen Hannover Selbstvertrauen getankt haben. Aue ist für uns traditionell ein heißes Pflaster. Wir haben in den vergangenen Jahren dort oft den Kürzeren ziehen müssen. Wir wissen daher, was auf uns zukommt und werden natürlich alles daran setzen, die Bilanz am Freitag zu verbessern.
Aue hat mit Domenico Tedesco einen neuen Chef an der Seitenlinie. Macht das die Erzgebirgler zu einem noch gefährlicheren Gegner?
Das macht sie auf jeden Fall unberechenbarer. Ein neuer Trainer bringt immer auch neue Ideen mit, die sich auf System, Taktik und Personal auswirken. Das macht die Vorbereitung für uns ein wenig komplizierter, wenn man im Vorfeld nicht weiß, auf welches System und welche Spieler der neue Trainer setzt. Aber ich bin mir sicher: Unser Trainerteam wird uns gemeinsam mit den Scouts und Analysten wie gewohnt bestmöglich auf den Gegner vorbereiten.
Welche Tugenden werden am Freitag gefragt sein, um möglichst alle drei Punkte aus dem Erzgebirge zu entführen?
Wir müssen an die Leistung anknüpfen, die wir gegen Hannover gezeigt haben und mit Leidenschaft, Mut und Wille Aue gegenübertreten. Die Atmosphäre im Stadion wird sicherlich auch wieder hitzig sein. Das wird Abstiegskampf pur – darauf müssen wir gefasst sein. Wir müssen die entscheidenden Zweikämpfe gewinnen und versuchen, dem Spiel unseren Stempel aufzudrücken. Wenn wir das schaffen, haben wir beste Chancen, etwas Zählbares mitzunehmen.
Das Interview führte Amin Mir Falah











