KSC behält im Abstiegskrimi die Nerven
(eis) Sonntag, 25. Mai 2003, 16.49 Uhr, Wildparkstadion Karlsruhe: Schiedsrichter Herbert Fandel setzt zum Schlusspfiff der Zweitligabegegnung zwischen dem Karlsruher SC und der Spielvereinigung Greuther Fürth an. KSC Trainer Lorenz Günther Köstner flüchtet in die Kabine, dem Großteil seines Teams gelingt das indes nicht. Eine blauweiße Lawine von allen Seiten auf den Rasen stürmender Anhänger begräbt die Mannschaft unter sich, die Euphorie im Stadion kennt keine Grenzen mehr.
Wie in der vergangenen Spielzeit retteten sich die Badener am letzten Spieltag der Saison vor dem drohenden Abstieg. Die Ausgangssituation war freilich eine völlig andere: Hätte ein Abstieg im letzten Jahr den Start in der Regionalliga Süd bedeutet, so drohte dem KSC am Sonntag Nachmittag der Sturz in die sportliche Bedeutungslosigkeit. Dass die Badener die beste Ausgangsposition im Kampf um die Nichtabstiegsplätze besaßen, dämpfte die Nervosität im Wildpark nur mäßig. Dem grenzenlosen Jubel gingen Minuten zwischen Hoffen und Bangen voraus, umso mehr genossen Spieler, Fans und Verantwortliche dann aber den kollektiven Freudentaumel. "Wir wussten, dass es um die Existenz des Vereins geht", erklärt ein freudestrahlender Christian Hassa und ergänzt: "Das hat Fans und Mannschaft zusammengeschweißt und macht den Erfolg umso schöner."
Mit Karlsruhe gegen Fürth, Frankfurt gegen Braunschweig und Reutlingen gegen Mainz sorgten die Spielplaner der DFL auch in diesem Jahr für ein spannungsgeladenes Finale, alle offenen Entscheidungen der Liga fielen in drei Partien je ein potenzieller Aufsteiger traf auf einen Abstiegskandidaten.
Kurz vor 15 Uhr: Knapp 25.000 Fußballfans haben trotz durchwachsenen Wetters ihren Platz im Wildparkstadion eingenommen. Die Mannschaften laufen ein, "ihr könnts ihr schaffts" steht auf einem Transparent, das KSC Fans entfalten. "Wir konzentrieren uns nur auf unser eigenes Spiel", gab Lorenz Günther Köstner vor dem Spiel bekannt. Auf Zwischenergebnisse der beiden anderen Spiele warten die Zuschauer während des Spiels deshalb vergebens. "Es ist einfach Quatsch, dass dieser Verein keine wichtigen Spiele gewinnen kann." An dem, was ein erleichterter Torsten Kracht den Journalisten 90 Minuten später in die Notizblöcke diktierte, zweifeln zu diesem Zeitpunkt noch einige. Schiedsrichter Fandel pfeift, doch die erwartete Nervosität auf Seiten des KSC bleibt aus. Nach nicht einmal fünf gespielten Minuten flankt Clemens Fritz auf den sträflich alleingelassenen Abderrahim Ouakili, Fürth Schlussmann Neuhaus kann den Kopfball aber mit dem Fuß abwehren.
Auch ohne Hilfe der Anzeigetafel verbreitet sich die Nachricht über die frühe Mainzer Führung rasch. Ausgerechnet der ehemalige Karlsruher Benjamin Auer schießt die Rheinhessen gegen Braunschweig in den ersten 20 Minuten mit 2:0 in Front. Da Braunschweig das um vier Treffer schlechtere Torverhältnis bei geringerer Trefferzahl hat, ist klar: Den Karlsruhern reicht wohl auch ein Unentschieden. Für Bauchschmerzen sorgt hingegen der Zwischenstand aus dem Frankfurter Waldstadion. Den Eintracht Führungstreffer egalisierte Reutlingens Nico Frommer im direkten Gegenzug.
Wenige Minuten vor dem Seitenwechsel weiß das Team von Lorenz Günther Köstner nicht, dass die Frankfurter mittlerweile mit 3:1 in Führung liegen. Beide Konkurrenten im Kampf um den Abstieg liegen mit zwei Toren im Rückstand, müssten drei Treffer erzielen um die Badener überhaupt noch einmal in Zugzwang zu bringen. Dennoch gibt die Wildparkelf Gas. Bruno Labbadia spielt Ivan Saenko frei, doch der russische Youngster lässt sich von Heiko Westermann abdrängen. Kurz darauf zieht Ouakili dem Abschluss aus spitzem Winkel ein Abspiel vor und passt ins Toraus. Sekunden später versagen erneut die Nerven des 18 jährigen Saenko. Mutterseelenalleine vor Torwart Neuhaus verzieht der Angreifer und vergibt eine weitere Großchance. Was folgt, ist der Auftritt von Bruno Labbadia. Christian Hassa kontert über die rechte Außenbahn, behält die Übersicht und passt butterweich auf den 37 Jährigen Mittelstürmer. Der sucht den direkten Abschluss und trifft zum 1:0 für die Hausherren und zum 100. Mal in Liga zwei. Der Mittelstürmer reißt er sich mit dem Pausenpfiff sein Trikot vom Leib und stürmt vor den Fanblock, die Spannung legt sich ein wenig.
Bereits kurz nach dem Wiederanpfiff scheint in Mainz alles klar, erneut hat Auer getroffen und Braunschweig endgültig in die Regionalliga gestürzt. Unbehagen löst hingegen wieder der Spielstand in Frankfurt aus. Ein Raunen geht durch den Wildpark, als bekannt wird, dass die Reutlinger Gambo und Würll für den zwischenzeitlichen Ausgleich der Schwaben gesorgt haben. Fast zeitgleich schnappt sich Clemens Fritz die Kugel zum Eckball, flankt mustergültig auf Verteidiger Mario Eggimann und der hat keine Mühe zum 2:0 für den KSC zu verwandeln. Auch für Fritz war es der letzte Auftritt im Dress der Badener. Bereits vor einem Jahr mussten die Verantwortlichen in den sauren Apfel beißen und das Talent an Bayer 04 Leverkusen verkaufen. Dort wird Fritz in der kommenden Spielzeit dank Nürnberg zwar erstklassig spielen, dennoch verabschiedet sich der Erfurter mit gemischten Gefühlen: "Natürlich ist Leverkusen eine Herausforderung, aber ich habe hier zwei geile Jahre erlebt und der Abschied fällt mir sehr schwer." Bereits am nächsten Montag wird der Mädchenschwarm seine Zelte in der Fächerstadt abbrechen, um in Köln eine neue Wohnung zu beziehen.
Das 2:0 beflügelt die KSC Fans, die La Ola Welle schwappt durchs Stadion, die Gastgeber bleiben am Drücker. Nach genau einer gespielten Stunde versucht Clemens Fritz sein Glück aus 22 Metern, doch Sven Neuhaus streckt sich und vereitelt dem 20 Jährigen seinen Treffer im Abschiedsspiel. Nur kurz darauf verstolpert Ivan Saenko seine dritte Riesenchance und treibt seinem Trainer die Zornesröte ins Gesicht: "Diese Unkonzentriertheit hat mich maßlos geärgert, aber beim 1:0 durch Labbadia hat man gesehen, was Erfahrung ausmachen kann." Für eine Schrecksekunde sorgte Christian Eigler mit seinem Anschlusstreffer zum 2:1, 22 Minuten vor Spielende. Doch kurze Zeit später setzt Frankfurt gegen Reutlingen zu einer furiosen Schlussphase an und erzielt binnen zehn Minuten drei Tore, die der Eintracht zum Aufstieg verhelfen und dem KSC den Klassenerhalt in jedem Falle sichern. Bereits Minuten vor dem Ende drängen die Anhänger des KSC auf die Tartanbahn und sehnen den Schlusspfiff herbei.
Eine Minute vor dem Abpfiff sorgte Lorenz Günther Köstner für den standesgemäßen Abschied des Garanten für den Klassenerhalt der Karlsruher. 557 Pflichtspiele im deutschen Profifußball, 100 Zweit und 103 Erstligatore, das ist Bruno Labbadias Spielerkarriere in nackten Zahlen. "Ich bin froh, dass ich dieser Stadt zu meinem Abschied das geben konnte, was sie verdient hat einen mindestens zweitklassigen Profiverein.", verkündet der Routinier den Zuschauern später über den Stadionlautsprecher. Der Darmstädter hängt seine Fußballschuhe im Alter von 37 Jahren an den Nagel und wird in der kommenden Spielzeit als Trainer in seiner Heimatstadt tätig werden: "So ein Umfeld wie in Karlsruhe habe ich in meiner Karriere selten erlebt. Ich freue mich schon darauf in der kommenden Saison Gast im Wildparkstadion zu sein." Kurz vor Abpfiff verabschieden die KSC Fans ihren Mittelstürmer mit Standing Ovations, nun kommt auch der zukünftige Fürther Danny Fuchs zu seinem letzten Einsatz im blauweißen Trikot. Auf die Fremdhilfe aus Frankfurt waren die Karlsruher aber gar nicht angewiesen, die Köstner Elf spielte ihren 2:1 Vorsprung souverän über die Zeit.
Nach dem Schlusspfiff brechen alle Dämme, die Mannschaft präsentiert sich ihren Fans auf der Empore der Haupttribüne. "We are the Champions" skandiert der Mannschaftskader und Tausende auf dem Wildpark Rasen stimmen mit ein. Neben Bruno Labbadia, Clemens Fritz und Danny Fuchs verabschiedet Stadionsprecher Martin Wacker auch Mannschaftskapitän Thijs Waterink. Nach drei Jahren beim KSC und zwei Jahren als Spielführer beendet auch der Niederländer seine aktive Fußballkarriere. Und noch lange, nachdem sich die Spieler zurückgezogen haben, feiern die Fans bei 1.000 Litern Freibier der Brauerei Hoepfner der Abschluss eines rundum erfolgreichen Fußballtages.
In der Abschlusstabelle der Zweitligasaison 2002/2003 belegt der Karlsruher SC mit 39 Zählern Position 13; neben St. Pauli und Mannheim, die bereits vor dem Spieltag als Absteiger feststanden, muss sich nun auch Braunschweig und Reutlingen aus dem Profifußball verabschieden. Im Kampf um den Aufstieg ins Fußballoberhaus konnte sich Eintracht Frankfurt mit ihrem 6:3 Heimsieg gegen Braunschweig über den direkten Konkurrenten Mainz behaupten. Punktgleich mit den Rheinhessen bescherte den Frankfurtern erst der Treffer von Alexander Schur in der Nachspielzeit den Sprung auf Tabellenplatz drei.
Nach einem abschließenden Treffen am Montag geht es für die Blauweißen bis zum 23. Juni in die wohlverdiente Sommerpause. Arbeit steht aber auch in diesen Wochen zu Genüge an. Zahlreiche weitere Verträge laufen zum 1. Juli aus, einzig Aydin Cetin verlängerte seinen Kontrakt bereits um zwei Jahre. Zudem müssen die Verantwortlichen des Vereins bis zum 11. Juni die Bedingungen der DFL erfüllen, um den Start der Wildparklelf auch in der kommenden Zweitligarunde zu sichern.









